Zwischen Bestätigung und Korrektur

Was der Koran über die Bibel sagt

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Koran und Bibel

In der dritten Folge unseres Podcasts Bibel und Koran im Dialog haben wir ein Thema aufgegriffen, das mich schon lange beschäftigt: Wie sieht der Koran eigentlich die Bibel? Und was bedeutet es, wenn er sagt, dass er die früheren Schriften bestätigt?

Im Gespräch mit Prof. Karl-Josef Kuschel nähern wir uns dieser komplexen Frage an. Die Folge ist keine abstrakte theologische Übung, sondern ein Versuch, in ein Gespräch einzusteigen, das für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen wichtig ist. Denn der Koran spricht nicht nur über die Thora und das Evangelium – er setzt sich mit ihnen auseinander. Er bestätigt, kritisiert, fordert heraus. Und gerade das ist spannend.

Ich beginne die Folge mit Versen aus Sure 5, genauer gesagt mit den Versen 44 bis 48. Diese Stellen sind zentral für das Selbstverständnis des Korans – und sie sagen sehr viel darüber aus, wie er sich selbst im Verhältnis zu den „vorhergehenden“ Offenbarungen versteht. Besonders eindrucksvoll ist dabei Vers 48, in dem es heißt: „Wir haben das Buch mit der Wahrheit zu dir herabgesandt, das bestätigt, was von der Schrift vor ihm da war, und darüber Gewissheit gibt.“ Und weiter: „Für jeden von euch haben wir Richtlinien und eine Laufbahn bestimmt.“
Für mich steckt in diesem Vers ein Schlüsselgedanke: Es gibt nicht nur einen Weg. Gott hat offenbar entschieden, in der Geschichte unterschiedliche Wege zu eröffnen – für Juden, Christen, Muslime. Nicht, um uns zu spalten, sondern um uns zur Verantwortung zu rufen. „Darum sollt ihr um die guten Dinge wetteifern“, heißt es am Ende dieses Verses. Diese Formulierung hat mich schon lange beschäftigt, weil sie die Idee des Wettstreits um das Gute ins Zentrum rückt – nicht das Bekenntnis, sondern das Handeln.

Im Gespräch mit Herrn Kuschel wurde noch einmal deutlich, wie vielschichtig dieses Verhältnis zwischen den Schriften ist. Er betont, dass der Koran einerseits die Thora und das Evangelium ernst nimmt – als echte Offenbarungen Gottes. Gleichzeitig erhebt er aber auch einen Anspruch, Missverständnisse oder Verfälschungen zu korrigieren. Für Muslime ist der Koran die letzte, umfassend gültige Offenbarung. Und das ist theologisch gesehen kein Nebenbei, sondern konstitutiv für das Selbstverständnis des Islam.

Besonders spannend fand ich, dass wir in der Folge auch darüber sprechen konnten, was überhaupt gemeint ist, wenn von „der Bibel“ die Rede ist. Christen und Juden haben unterschiedliche Kanones, unterschiedliche Bücher, unterschiedliche Gewichtungen. Und auch der Begriff „Evangelium“, den der Koran verwendet, ist nicht einfach identisch mit dem Neuen Testament, wie es heute in den Kirchen gelesen wird. Solche Differenzierungen sind wichtig, wenn wir einen echten Dialog führen wollen – jenseits pauschaler Urteile.

Ein sehr persönlicher Moment war für mich die Stelle, an der wir über die Idee sprachen, dass Gott mit dem Koran einen neuen Weg eröffnet hat – nicht, weil alles vorher falsch war, sondern weil Menschen mit den früheren Offenbarungen nicht gut umgegangen sind. Es geht um Verantwortung, um Treue zur Botschaft, um die Gefahr religiöser Selbstüberschätzung. In dieser Perspektive ist der Koran auch für Christen und Juden eine Herausforderung – nicht im Sinne eines Angriffs, sondern im Sinne eines Anstoßes, das eigene Verständnis von Offenbarung noch einmal neu zu durchdenken.

Ein roter Faden zieht sich durch unser Gespräch: Dialog bedeutet nicht Gleichmacherei. Vielmehr geht es um das, was Prof. Kuschel eine „Hermeneutik der Alterität“ nennt – eine Haltung, die die Andersheit des anderen nicht als Bedrohung, sondern als Herausforderung und Bereicherung begreift.
„Nicht meine Religion ist besser als deine – sondern anders. Und genau deshalb bist du eine Herausforderung an mein Selbstverständnis.“
So kann aus religiösem Nebeneinander ein echtes Miteinander werden – auch (und gerade) dann, wenn wir über Differenzen sprechen.

Das bedeutet: Der andere Glaube ist nicht besser, nicht schlechter – sondern anders. Und gerade in dieser Andersheit liegt die Möglichkeit des Lernens. Für mich ist das ein zentraler Gedanke: Es geht im Dialog nicht darum, die Unterschiede zu nivellieren, sondern sie zu respektieren – und im besten Fall fruchtbar zu machen.

Am Ende der Folge kommen wir auf einen Gedanken von Thomas Mann zu sprechen. Er hat einmal die Bibel ein „Buchgebirge“ genannt – vielschichtig, über Jahrhunderte gewachsen, voller Höhen und Tiefen. Im Kontrast dazu steht der Koran als Einheit, als direktes Gotteswort in einer kurzen Zeitspanne offenbart. Auch hier zeigt sich: Die beiden Bücher sind nicht gleich – aber sie stehen miteinander in Beziehung. Und aus dieser Beziehung kann etwas Neues wachsen.

Ich hoffe sehr, dass diese Folge viele zum Weiterdenken anregt. Und vielleicht auch dazu, das eigene Verständnis von Bibel und Koran noch einmal neu zu befragen.

Hasan Dadelen
Moderator von Bibel und Koran im Dialog

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