Historie des Stuttgarter Lehrhauses
Am Anfang stand die Überzeugung, dass religiöser Dialog Räume braucht, in denen gemeinsam gelernt und ernsthaft gerungen werden kann. Drei Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Biografien und religiösen Prägungen fanden in dieser Haltung zusammen.
Als Lisbeth Blickle und Karl-Hermann Blickle († 2022) ihren jüdischen Freund Meinhard Tenné († 2015) baten, den historischen Lehrhaus-Gedanken neu zu beleben, war zunächst ein jüdisch-christlicher Dialog im Blick. Tenné sagte zu – unter einer klaren Bedingung:
„Nur wenn die Muslime von Anfang an einbezogen werden, bin ich dabei.“
Diese Entscheidung wurde richtungsweisend. Aus einem bilateralen Ansatz entstand bewusst ein jüdisch-christlich-muslimischer Trialog – getragen von theologischer Ernsthaftigkeit, gegenseitigem Respekt und der Überzeugung, dass Verständigung Gleichberechtigung voraussetzt.
Die Vision der Gründer war es, an das historische Jüdische Lehrhaus in Stuttgart anzuknüpfen. Dieses war 1926 – nach dem Frankfurter Vorbild von Franz Rosenzweig und Martin Buber – gegründet worden und bestand bis zu seiner gewaltsamen Auflösung in der Reichspogromnacht. Es diente der jüdischen Erwachsenenbildung und öffnete sich zugleich dem Dialog zwischen Juden und Christen. An diese Tradition des gemeinsamen Lernens wollten die Gründer anknüpfen – erweitert um die bewusste Einbeziehung des Islam.
Am 7. Februar 2010 wurde daraus die Stiftung Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog. Die drei Gründer verband die Erfahrung, dass Verständigung zwischen Religionen konkrete Begegnung, Bildung und institutionelle Verlässlichkeit braucht.
Im Zuge einer strukturellen Neuausrichtung in den Jahren 2025/26 wurde die Stiftung aufgelöst und ihre Arbeit in eine neue Trägerstruktur überführt. Heute wird das Stuttgarter Lehrhaus unter dem Dach von BLICKWEITE weitergeführt. Die programmatische Ausrichtung bleibt dabei der ursprünglichen Gründungsidee verpflichtet: dem jüdisch-christlich-muslimischen Trialog auf Augenhöhe.
Die folgenden Porträts zeigen die je eigene Prägung der Gründer – und wie aus unterschiedlichen Lebenswegen eine gemeinsame Vision entstanden ist, die bis heute fortwirkt.
Unsere Gründer
Lisbeth Blickle
Lisbeth Blickle ist Mitgründerin des Stuttgarter Lehrhauses und prägt dessen Arbeit bis heute als Vorsitzende. Ihr Engagement für interreligiöse Verständigung ist biografisch gewachsen und wurzelt in frühen Erfahrungen im Nahen Osten.
Nach ihrer Ausbildung zur Handarbeitslehrerin in der Schweiz ging sie Anfang der 1970er Jahre als Freiwillige an eine Schule in Ramallah. Dort arbeitete sie als Hausmutter für eine Mädchengruppe und lernte das Leben christlicher und muslimischer Familien in Palästina unmittelbar kennen. Zur gleichen Zeit leistete Karl-Hermann Blickle einen zivilen Friedensdienst in einem Stickereiprojekt in Jerusalem, das palästinensischen Frauen durch handwerkliche Arbeit ein eigenes Einkommen ermöglichte. In dieser prägenden Zeit begegneten sich Lisbeth und Karl-Hermann Blickle in Jerusalem – eine Erfahrung, die ihren weiteren Lebensweg nachhaltig bestimmte.
Die Begegnung mit Judentum, Christentum und Islam im Alltag Israels und Palästinas erweiterte ihren Horizont und bestärkte sie in der Überzeugung, dass Verständigung zwischen Religionen nur durch konkrete Begegnung und gemeinsame Verantwortung wachsen kann. Aus diesen frühen Erfahrungen heraus entstand Jahrzehnte später – gemeinsam mit Karl-Hermann Blickle und Meinhard Tenné – die Gründung der Stiftung Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog im Jahr 2010.
Ihr christlicher Glaube ist für sie dabei keine Abgrenzung, sondern Grundlage der Offenheit. Lisbeth Blickle beschreibt ihre interreligiöse Haltung häufig anhand des Kreuzes:
„Das Kreuz hat für mich zwei Richtungen. Die vertikale Linie weist nach oben – sie steht für die Beziehung des Menschen zu Gott, zum Schöpfer, zu dem wir beten und der uns trägt. Die horizontale Linie verbindet alle Menschen miteinander – unabhängig von Religion, Herkunft oder Kultur. Wir sind alle Geschöpfe des einen Gottes und stehen in Beziehung zueinander.“
Diese Deutung bringt ihr theologisches Verständnis auf den Punkt: Gottesbeziehung und Menschenbeziehung sind untrennbar miteinander verbunden.
Neben ihrer Arbeit im Lehrhaus engagierte sich Lisbeth Blickle über viele Jahre hinweg in der Unterstützung der Schule in Ramallah. Sie ist Gründerin und Vorsitzende des Vereins „Freunde Ramallahs“, der durch Spenden und ehrenamtliche Arbeit Bildungsprojekte, Stipendienfonds und Austauschprogramme fördert. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen – unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit – Zugang zu qualitätsvoller Bildung zu ermöglichen. Die Schule in Ramallah versteht sich bewusst als Ort des Miteinanders von Christen und Muslimen und als Zeichen der Hoffnung in einer politisch angespannten Region.
Für ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement wurde Lisbeth Blickle 2013 von Joachim Gauck zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten ins Schloss Bellevue eingeladen – eine besondere Würdigung ihres Einsatzes für das Gemeinwohl.
Ihr Wirken ist getragen von der Überzeugung, dass interreligiöser Dialog nicht abstrakt bleibt, sondern sich in Bildungsarbeit, persönlicher Begegnung und konkreter Solidarität bewähren muss. Die Verbindung von Glauben, Verantwortung und gelebter Begegnung prägt ihr Engagement bis heute.
Im Zuge der Neustrukturierung 2025/26 wurde die Stiftung Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog aufgelöst; die Arbeit des Lehrhauses wird heute von BLICKWEITE fortgeführt und weiterentwickelt. Lisbeth Blickle ist geschäftsführende Gesellschafterin von BLICKWEITE und begleitet die inhaltliche Ausrichtung des Stuttgarter Lehrhauses weiterhin maßgeblich.
Karl-Hermann Blickle († 2022)
Karl-Hermann Blickle war Mitgründer des Stuttgarter Lehrhauses und prägende Persönlichkeit des interreligiösen Dialogs in Deutschland. Der aus Rosenfeld stammende Diplom-Volkswirt und Unternehmer verband wirtschaftliche Verantwortung mit einem ausgeprägten gesellschaftlichen Engagement – insbesondere im Bereich der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und der Verständigung zwischen Religionen.
Früh setzte er sich für ethische Maßstäbe in Wirtschaft und globaler Produktion ein, unter anderem im Deutschen Netzwerk für Wirtschaftsethik. Zugleich engagierte er sich in der Entwicklungsarbeit und gründete Initiativen zur Mikrofinanzierung, zum Fairen Handel und zur Friedensförderung. Sein Wirken war stets von der Überzeugung getragen, dass wirtschaftliches Handeln soziale Verantwortung einschließt.
Eine prägende Erfahrung war seine Tätigkeit als Entwicklungshelfer in Israel und der Westbank in den Jahren 1971 bis 1973 – nur wenige Jahre nach dem Sechstagekrieg. Seither setzte er sich kontinuierlich für ein friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern ein. Er unterstützte die Genfer Initiative für eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung und war sowohl in israelischen als auch in palästinensischen Kontexten gut vernetzt. Für sein Engagement im jüdisch-christlichen Dialog und für Versöhnungsarbeit wurde ihm 2007 die Otto-Hirsch-Auszeichnung der Landeshauptstadt Stuttgart verliehen.
Ein besonderes Anliegen war Karl-Hermann Blickle die Erinnerungsarbeit in Deutschland. Er engagierte sich intensiv für eine lebendige und verantwortungsbewusste Gedenkkultur an die Shoah und setzte sich entschieden gegen jede Form von Antisemitismus und Geschichtsvergessenheit ein. Maßgeblich beteiligt war er an der Restaurierung der Alten Synagoge in Hechingen, die zu einem Ort der Bildung, Begegnung und des jüdisch-christlichen Dialogs wurde. Für ihn war Erinnerungsarbeit keine rückwärtsgewandte Pflichtübung, sondern eine ethische Verantwortung der Gegenwart. Dabei orientierte er sich am Leitgedanken des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der formulierte:
„Wir sind nicht verantwortlich für das, was geschehen ist. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass es nicht wieder geschieht.“
Dieser Satz war für Karl-Hermann Blickle keine politische Formel, sondern persönlicher Auftrag. Aus der historischen Verantwortung erwuchs für ihn die Verpflichtung zu Dialog, Wachsamkeit und aktiver Versöhnungsarbeit.
Gemeinsam mit seiner Frau Lisbeth Blickle und seinem langjährigen Weggefährten Meinhard Tenne gründete Karl-Hermann Blickle im Jahr 2010 die Stiftung Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog. Seine Leitidee war der Lehrhaus-Gedanke: Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen sollen nicht nur miteinander sprechen, sondern gemeinsam lernen – auf der Grundlage von Respekt, theologischer Ernsthaftigkeit und intellektueller Offenheit.
Sein Wirken war getragen von der Überzeugung, dass Verständigung zwischen Religionen nicht Nebenaufgabe, sondern Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Diese Grundhaltung prägt das Stuttgarter Lehrhaus bis heute. In der Tradition von Martin Buber verstand er Dialog als geistige und ethische Aufgabe: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Dieses Leitmotiv prägte seine Arbeit gegen Antisemitismus, sein Engagement für jüdisches Leben in Deutschland sowie seine Unterstützung internationaler Friedensinitiativen.
Meinhard Tenné († 2015)
Meinhard Tenné war Mitgründer des Stuttgarter Lehrhauses und eine prägende Persönlichkeit des jüdischen Lebens und des interreligiösen Dialogs in Deutschland nach 1945. Sein Lebensweg – von Berlin über Zürich, Frankreich, Belgien und Israel bis nach Stuttgart – war geprägt von erzwungener Migration, staatlichem Aufbau, gesellschaftlichem Engagement und dem entschiedenen Einsatz für Verständigung zwischen Religionen.
Geboren 1923 in Berlin als Meinhard Teschner, wuchs er in einem religiös geprägten jüdischen Elternhaus auf. Nach den Novemberpogromen 1938 floh er mit seinem Vater in die Schweiz. Seine Mutter und Schwester wurden später deportiert und ermordet – eine Erfahrung, die sein Leben nachhaltig bestimmte. In Zürich setzte er seine Schulbildung fort, engagierte sich nach Kriegsende in Flüchtlingslagern in Frankreich und Belgien und wanderte 1948 nach Israel ein. Mit der Einwanderung nahm er den hebräischen Namen Tenné an.
In Israel diente Meinhard Tenné zunächst zehn Jahre in der Armee und war am organisatorischen Aufbau staatlicher Strukturen beteiligt. Anschließend wechselte er in den Bereich des staatlichen Tourismus und trug maßgeblich zur Professionalisierung und Internationalisierung des israelischen Fremdenverkehrs bei. Er leitete das israelische Verkehrsbüro in Zürich und später in Frankfurt am Main – eine Aufgabe von besonderer historischer Sensibilität, da sie ihn in das Land zurückführte, aus dem er hatte fliehen müssen.
Seit 1970 lebte Tenné in Stuttgart. Dort übernahm er vielfältige Verantwortung im jüdischen Gemeindeleben. Von 1990 bis 2000 war er Vorstandssprecher der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg. In dieser Funktion setzte er sich für die institutionelle Stärkung der Gemeinde, für die Integration jüdischer Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und für die sichtbare Präsenz jüdischen Lebens im öffentlichen Raum ein. Er engagierte sich zudem in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft sowie im Zentralrat der Juden in Deutschland.
Ein besonderes Anliegen war ihm der interreligiöse Dialog. Früh erkannte er die Notwendigkeit, jüdisch-christliche Gespräche zu einem jüdisch-christlich-muslimischen Trialog weiterzuentwickeln. Er unterstützte Initiativen wie das „Haus Abraham“ und war überzeugt, dass Verständigung nur durch Begegnung, Bildung und gegenseitiges ernsthaftes Zuhören gelingen kann.
Gemeinsam mit Karl-Hermann Blickle und Lisbeth Blickle gründete Meinhard Tenné im Jahr 2010 die Stiftung Stuttgarter Lehrhaus für interreligiösen Dialog. Die Gründung knüpfte bewusst an die Tradition des jüdischen Lehrhauses an: gemeinsames Lernen, theologische Ernsthaftigkeit und Gespräch auf Augenhöhe zwischen den abrahamischen Religionen.
Für sein Wirken erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg, die Otto-Hirsch-Medaille der Stadt Stuttgart und den Deutschen Dialogpreis.
Sein Engagement war getragen von der Überzeugung, dass religiöse Identität und gesellschaftliche Verantwortung einander nicht ausschließen, sondern einander verpflichten. Der Dialog zwischen Religionen war für ihn kein symbolisches Projekt, sondern eine konkrete Aufgabe – verwurzelt in biografischer Erfahrung und ausgerichtet auf eine gemeinsame Zukunft.