Was haben Schweineherzklappen mit jüdisch-muslimischem Dialog zu tun?
Jüdisch-muslimische Studiennachmittage im Stuttgarter Lehrhaus
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Jüdisch-muslimische Studiennachmittage im Stuttgarter Lehrhaus
Mehr, als man zunächst vermuten würde. Bei einem der bisherigen Studiennachmittage wurde deutlich: Was im Judentum und im Islam für den Verzehr nicht erlaubt ist, kann in der Medizin unter bestimmten Voraussetzungen lebensrettend sein. Der Einsatz von Herzklappen vom Schwein etwa kann in beiden religiösen Traditionen erlaubt sein, wenn es um den Schutz des Lebens geht. Gerade solche Beispiele zeigen, wie differenziert jüdische und muslimische Ethik arbeiten – und warum sich der genaue Blick auf religiöse Traditionen lohnt.
Unter dem Titel „Jüdische und muslimische Ethik in der Praxis“ widmen sich die jüdisch-muslimischen Studiennachmittage des Stuttgarter Lehrhauses in diesem Jahr Fragen, die mitten ins Leben führen: Wie gehen religiöse Traditionen mit Krankheit, Sterben und Trauer um? Welche Rolle spielen Körper, Selbstbestimmung und Verantwortung? Und wie lassen sich Orientierung und Mitgefühl miteinander verbinden, wenn Entscheidungen schwerfallen?
Die bisherigen Veranstaltungen mit Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens und Dr. Mahmoud Abdallah haben gezeigt, dass der jüdisch-muslimische Dialog gerade dort besonders spannend wird, wo es konkret wird. Im Mittelpunkt standen bislang ethische Fragen am Lebensende, Organspende und Patientenverfügung, Abtreibung und stille Geburt sowie zuletzt das Thema sexuelle Vielfalt und religiöse Verantwortung.
Rabbiner Dr. Jehoschua Ahrens machte in seinen Beiträgen deutlich, dass jüdische Ethik den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick verliert. Sie fragt nicht nur danach, was grundsätzlich gilt, sondern auch danach, was in einer bestimmten Situation verantwortbar ist. Gerade in Fragen von Krankheit, Sterben oder medizinischen Eingriffen geht es deshalb nicht allein um Regeln, sondern um Würde, Schutz des Lebens und konkrete Verantwortung.
Dr. Mahmoud Abdallah brachte aus muslimischer Perspektive immer wieder die Bedeutung von Barmherzigkeit, Abwägung und seelsorgerlicher Sensibilität ein. Auch im Islam, so wurde in seinen Beiträgen deutlich, stehen normative Orientierung und die konkrete Lebenswirklichkeit eines Menschen nicht einfach gegeneinander. Vielmehr braucht es Wissen, Differenzierung und Mitgefühl, um religiöse Ethik verantwortlich zur Sprache zu bringen.
Die Reihe lebt davon, dass jüdische und muslimische Perspektiven nicht nur nebeneinandergestellt werden. Zwischen den beiden Referenten entsteht ein echtes Gespräch – mit Übereinstimmungen, Unterschieden, Rückfragen und manchmal auch überraschenden Entdeckungen. Gerade diese Mischung macht die Studiennachmittage so wertvoll: Sie zeigen, dass religiöse Traditionen keine starren Antwortsysteme sind, sondern lebendige Quellen ethischer Reflexion.
Auch die Teilnehmenden prägen die Veranstaltungen wesentlich mit. In den Gesprächsrunden werden Fragen gestellt, Erfahrungen eingebracht und Unsicherheiten offen ausgesprochen. Besonders bei sensiblen Themen wird spürbar, wie wichtig ein geschützter Raum ist, in dem man genau hinhören, nachfragen und unterschiedliche Sichtweisen ernst nehmen kann.
Die Reihe wird in den kommenden Monaten fortgesetzt. Weitere Themen sind körperliche Unversehrtheit und Schönheitsoperationen sowie Seelsorge, Trauerbegleitung und Begräbniskultur. Damit führt das Stuttgarter Lehrhaus seine jüdisch-muslimische Dialogarbeit in einer Form weiter, die theologisch fundiert ist, aber nie abstrakt bleibt – sondern nah an den Fragen, Brüchen und Herausforderungen des Lebens.
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