Die Kölner Juden
von Johanan Flusser
| Blog
Einleitung zum Artikel „Die Kölner Juden“
Von Lisbeth Blickle, Vorsitzende des Stuttgarter Lehrhauses
Wir möchten Ihnen einen Artikel von Johanan Flusser aus Israel vorstellen, der dort in der Zeitschrift Haarez veröffentlicht wurde.
Sein Artikel Die Kölner Juden ist eine eindrucksvolle historische Aufarbeitung der jüdischen Geschichte dieser Stadt – von der Antike bis zur Shoah. Er beleuchtet die tief verwurzelte Präsenz der jüdischen Gemeinde in Köln seit römischer Zeit, beschreibt Phasen der Blüte ebenso wie Perioden der Verfolgung und gibt den Opfern eine Stimme. Besonders bewegend ist die Widmung dieses Beitrags an den jungen IDF-Soldaten Juval Schoham, der kürzlich in Gaza gefallen ist und dessen Vater, Ephraim Schoham-Steiner, zur Geschichte der Kölner Juden forscht.
Als renommierter Toralehrer aus Jerusalem und Sohn des bedeutenden Gelehrten David Flusser bringt Johanan Flusser eine Perspektive mit, die sowohl das jüdisch-christliche als auch das jüdisch-muslimische Verhältnis in den Mittelpunkt seines Wirkens rückt. Seine tiefgreifenden Kenntnisse, seine Erfahrung im interreligiösen Dialog und seine didaktischen Fähigkeiten machen ihn zu einer interessanten Stimme in diesen Debatten. Im vergangenen Jahr leitete er eine Toralernwoche für Muslime im Stuttgarter Lehrhaus, ein großartiges Beispiel für sein Engagement im interreligiösen Dialog zwischen Juden, Christen und Muslimen.
Die Kölner Juden
Von Pogromen im Zuge der Pest über Jahre des Wohlstandes bis hin zur gesetzlich angeordneten Vernichtung durch die Deutschen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten
Jochanan Flusser
Meine Worte sind dem Gedenken an Juval Schoham gewidmet, möge sein Angedenken ein Segen sein. Juval Schoham war ein junger Soldat, ein Mann des Buches, des Geistes und der Wahrheit, der vor Kurzem in Gaza gefallen ist. Er ist ein Sohn von Ephraim Schoham-Steiner, der zu der Geschichte der Kölner Juden forscht.
Die Stadt Köln, oder ihrem historischen Namen nach Colonia, wurde im 1. Jahrhundert n. Chr. gegründet. Die Anwesenheit von Christen in der Stadt im 2. Jahrhundert verweist darauf, dass auch Juden in dieser frühen Zeit zu den Einwohnern der Stadt zählten. Die frühesten Zeugnisse der jüdischen Gemeinde in Köln, das auch als römische Kolonie bekannt war, stammen aus der Zeit des Mittelalters, der Blütezeit der Stadt. Die jüdische Gemeinde Kölns litt im Laufe ihre Geschichte unter Verfolgung, wiederholter Verbannung, Pogromen und Zerstörung über Jahrhunderte hinweg bis zu ihrer Vernichtung durch die Nationalsozialisten. Am Vorabend der nationalsozialistischen Herrschaft zählte die Gemeinde ca. 19,500 Mitglieder. Inzwischen wurde sie neu gegründet und umfasst heute ca. 4,500 Mitglieder.
„קולוניא“ (zu Deutsch Colonia) wird in dieser Schreibweise in den drei Bänden des Buchs der Tränen erwähnt, das Simon Bernfeld auf Hebräisch verfasste und das 1925 (jüdischer Kalender: 5684) im Verlag Echkol Berlin erschien. Der Autor liefert dem Leser einen erschütternden Bericht über die tragischen und grausamen Ereignisse, die Juden weltweit von der Zeit des Herrschers Antiochus IV. Epiphanes bis zum Massaker von Uman durch Iwan Gonta und Maksym Salisnjak im Jahr 1768 erlitten. Es ist mir wichtig, diesen drei Bänden einen angemessenen Platz in der Kultur und Literatur Israels zu widmen.
Bernfeld beschreibt in der Einleitung den Inhalt des Buches mit den folgenden Sätzen:
„Die ursprünglichen Geschichten selbst, verborgen in unserer historischen und poetischen Literatur, sind das Zeugnis der Helden dieser Taten und Ereignisse in ihren Schriften und ihrer Sprache. Ihr Stöhnen und der Klang ihrer Schreie, ihr Weinen und ihr Jammern – es sind dieselben Tränen, die der Stöhnenden und derer, die in Bedrängnis klagen. Kein Dichter kann die Wucht des Schmerzes so ausdrücken, wie sie durch die Wahrheit in unseren ursprünglichen Schriften zum Ausdruck gebracht wurde.“
Das Buch beschreibt unter anderem die Katastrophen, Pogrome und Morde, die das jüdische Volk erlebte. Beschreibungen der Kreuzzüge, der Ritualmordlegenden, der Vertreibung der Juden aus England, der Pest, der Ausrottung in Prag, in Spanien und Portugal, in Deutschland und Italien, der Verbrennung der Anusim1 in der Stadt Ancona, der Vorfälle in den Städten Osteuropas bis hin zu den antijüdischen Dekreten und Vernichtungen in Böhmen und Mähren. Dem Leser wird es schwerfallen, die Beschreibungen der Gräueltaten und Morde von den Ereignissen von Simchat Tora 2023 (jüdischer Kalender: 5784) zu trennen.
In dem Kapitel über die Pest geht Bernfeld auf die Juden Offenheims und Frankfurts ein: Es waren Gemeinden, in denen „man selbst die eigenen Häuser in Brand setzte, um nicht in die Arme der Feinde zu fallen“; er fährt fort, das zu beschreiben, was der Kölner Gemeinde widerfuhr:
„Einige Juden aus den nahegelegenen Städten und Dörfern flüchteten dorthin. Die Ratsmitglieder taten ihr Bestes, um sie vor dem Mob zu schützen. Die Gemeinde kämpfte und behauptete in einem mehrere Tage dauernden Kampf ihre Stellung. Schließlich setzte sich der Mob durch und den Ratsmitgliedern gelang es nicht, die Juden zu retten. An diesem Tag fielen alle Mitglieder der Gemeinde.“
Dies waren die Tage der Schwarzen Pest.
Die Kölner Juden erlebten jedoch auch Zeiten des Wohlstandes, der Blüte und der Einbindung in das Leben der Stadt, sowohl als jüdische Gemeinde als auch als gewöhnliche Einwohner. Das Judentum wurde bereits im zweiten Jahrhundert als religio licita, erlaubte Religion, anerkannt und Juden waren vom Kaiserkult und dem Kult der römischen Götter ausgenommen. Im Jahr 321 erlaubte ein kaiserlicher Erlass die Berufung von Juden in die Kurie der Stadt. Ein bedeutendes Zeugnis für die Blüte und den Wohlstand der Gemeinde wurde bei archäologischen Ausgrabungen im Zentrum Kölns zu Beginn des gegenwärtigen Jahrzehnts gefunden, als Überreste von 400 in hebräischer Sprache verfassten Texten aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts freigelegt wurden. Hiermit liegt uns außerdem ein weiterer Beweis für die Begegnung mit und die Verwendung der hebräischen Sprache vor, auf die die Juden Deutschlands schon seit den Tagen des Mittelalters und bis hin zum oben erwähnten Buch der Tränen zurückgreifen.
Ephraim Schoham-Steiner, der die jüdischen Gemeinden Europas im Mittelalter erforscht und dessen Sohn Juval Schoham, möge sein Angedenken ein Segen sein, vor Kurzem in Gaza gefallen ist und dem dieser Artikel gewidmet ist, erklärte, dass die Fülle an Informationen aus den Ausgrabungen in Köln ein vergleichbares Ausmaß hat wie die des Geniza-Fundes von Kairo. Shoham führt damals in einem Interview mit Haaretz aus:
„Bei den archäologischen Grabungen in Köln wurden mehrere Hundert Texte und Textfragmente in hebräischer Sprache und in hebräischen Schriftzeichen zutage gefördert, die an ihrem Entstehungsort, im jüdischen Viertel der Stadt, unversehrt geblieben sind.“
Neben einer Mikwe, die bei archäologischen Ausgrabungen in der Stadt entdeckt wurde, gab es auch ein Hamam, das sowohl von Juden als auch von Nichtjuden genutzt wurde – ein weiterer Hinweis darauf, dass die Juden Kölns Anteil am Gemeinschaftsleben der Stadt hatten.
Es ist schwierig, diese frühen Funde, die uns etwas über das jüdische Leben in der Stadt erzählen, mit der Geschichte meiner Tante Gerda Link, in Hamburg geboren, in Einklang zu bringen. Sie ging nach Köln, um am Seminar für jüdische Lehrer zu studieren; später unterrichtete sie an der dortigen jüdischen Schule. Von Köln aus zog sie, aus Gründen, die sich nicht mehr rekonstruieren lassen, nach Bratislava und starb im September 1944 mit ihrer gesamten Familie, ihrem Mann Shaya und ihren Kindern Zvi und Rachel, ein und vier Jahre alt, in Auschwitz. Wegen Gerda, meiner Tante, und wegen meines Unterfangens, mehr über ihr Schicksal herauszufinden, kam ich nach Köln und besuchte dort das Museum mit dem Namen „NS Dokumentationszentrum der Stadt Köln“. Es ist ein außergewöhnliches Museum, denn es archiviert die Zeugnisse der Nationalsozialisten über das Leben der Stadt Köln während seiner düsteren Kapitel. Die Erfahrungen, die ein Besucher dort macht, ist nicht zu vergleichen mit denen eines Museums über die Shoa; es zeigt vielmehr den relativ gelungenen Versuch der Nationalsozialisten, das städtische Leben in dieser Zeit als ein reguläres, reiches Leben darzustellen, das von Behörden geregelt wird, die sich um die Einwohner der Stadt in allen Lebensbereichen kümmern. Das Museum wurde Ende des Jahres 1979 gegründet, in Folge von Protesten der Linken, die anklagte, dass die Stadtverwaltung Gebäude für ihre Zwecke nutzte, in denen zuvor die Gestapo gearbeitet hatte und dort in Grausamkeit die Menschen verfolgte, in denen die Machthaber keine glaubwürdigen Arier sahen. Die Zentrale der Gestapo befand sich von Dezember 1935 bis März 1945 in dem Gebäude. In den letzten Kriegsmonaten wurden im Innenhof des Gebäudes hunderte Menschen hingerichtet; die meisten von ihnen waren Zwangsarbeiter aus anderen Ländern. Der Ort ist dem Gedenken aller Opfer des Nazi-Regimes gewidmet und dient zugleich als Lernort für die jüngere deutsche Generation, um die Geschichte der Stadt kennenzulernen. Das Archiv umfasst 1800 Schriften und Zeichnungen der Gefangenen.
Für einen Besucher wie mich, der der zweiten Generation der Shoah-Überlebenden angehört, war es eine sonderbare Erfahrung, einen Ort zu besuchen, der den Fortgang des normalen und geregelten Lebens in der Stadt während des Zweiten Weltkriegs beschreibt, der doch den Tod von etwa fünfzig Millionen Menschen und die Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden zur Folge hatte, darunter auch die Juden der Stadt Köln. Das Museum beschreibt die Routine der Stadtbewohner zu einer Zeit, die aus heutiger Sicht jenseits aller Vorstellung ist.
Der Besucher des Ortes läuft entlang einer weißen, vom Boden sich abhebenden Linie, die im Untergeschoss bereits mit dem Jahr 1920 beginnt und bis zum obersten Stockwerk führt; dort endet sie mit dem Jahr 1945. Der Ort spiegelt das Leben, das alltägliche Leben, in dieser Stadt wider, so wie es die Nationalsozialisten inszenierten. Für einen Israeli oder einen Juden, der es gewohnt ist, Museen zu besuchen wie Yad VaShem, die dem Grauen, dem Morden und dem Verbrechen an unserem Volk gedenken, ist das eine erschütternde und einprägsame Erfahrung: ein Museum, das das städtische Leben in allen seinen Aspekten darstellt zu einer Zeit, in der, parallel zu diesem Alltagsleben, das Massaker an sechs Millionen Menschen unseres Volkes stattfand.
Im Untergeschoss kann man die Unterlagen der Gefangenen sehen, die von der Gestapo gefoltert wurden; es sind Überreste des dunklen Schattens, Überreste dessen, was sich in dieser Etage abgespielt hat. Die anderen Stockwerke stehen hingegen unter dem Eindruck des geschäftigen Stadtlebens in all seinen Aspekten: der Gesundheit, der Bildung und der Kultur; ein Stadtleben, das ganz normal anmutet. Sogar ein Kinderzimmer aus dieser Zeit ist dort ausgestellt, neben den Bildern einer Schulklasse und Fotographien von Aktivitäten der Jugendbewegung. Auch ein Film über den Besuch des Führers in der Stadt kann betrachtet werden: Es sind allerdings nicht Angst und das Gefühl der Bedrohung, die dieser Film vermittelt, sondern er bezeugt die Verehrung und den leidenschaftlichen Empfang, mit dem die Einwohner Hitler begrüßten. Ein volles, kulturelle Leben setzt sich fort und das, was man Zeitgeist nennt, lebte auch in den Jahren der Dunkelheit und des Todes, die sich auf Europa senkten.
Zwei Bilder des Museums begleiten mich auch heute noch; weder Todesgruben noch Gaskammern, sondern Fotografien aus dem Stadtleben, die man vielleicht banal nennen könnte. Das erste Bild zeigt eine Grundschulklasse, die Kinder, ungefähr acht oder neun Jahre alt, sind ihrem Lehrer zugewandt, der mit einem Zeigestock auf das Gesicht eines Rom deutet. Sein unterrichtliches Ziel ist, wie es scheint, den Schülern zu erklären, was ein Rom wäre und was sein Antlitz ausmachen würde; vielleicht eine Unterrichtsstunde über „Andere Kulturen“ oder über eine Rasse, die abgesondert werden müsse. Die Stimme des Lehrers ist verklungen, heute können wir nur noch raten, wie seine Erklärung in dieser Stunde lautete. Die zweite Fotographie, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, ist das Portrait einer hübschen Frau in ihren Vierzigern. Das Bild ist beidseitig von etwa vierzehn Dokumenten eingerahmt, darunter Arztberichte, Anwaltsschreiben, Briefe von Richtern sowie von Repräsentanten weiterer Institutionen; alle Dokumente raten an, dass diese Frau, da sie „seelisch krank“ sei, von ihren Qualen erlöst werden müsse, und das erziele man durch ihren Tod mit der „Euthanasieinjektion“. Alles ist bis ins letzte Detail dokumentiert, mit Stempeln und Unterschriften.
Da ich, als Neffe meiner Tante, eine Einwohnerin der Stadt, die mit ihrer Familie ermordet wurde, einen familiären Bezug zu der Stadt habe, erhielten meine Frau und ich bei diesem Rundgang eine herzliche, persönliche Begleitung durch den Museumsdirektor. Erst als ich aus dem Museum heraustrat, fiel bei mir der Groschen – nur dieser Groschen glich in Gewicht und Größe dem eines riesigen Mühlensteins, der auf meinen Kopf und mein Bewusstsein niederschlug: Was wollen wir überhaupt von den Nationalsozialisten? Das alles war damals legal! Tatsächlich begannen die Deutschen bereits im September 1935 mit den Nürnberger Gesetzen, ihre Herrschaft zu regulieren und die Regierungsordnung zu ändern, und deren Umsetzung blieb ein Jahrzehnt lang ununterbrochen bestehen. Das alles war legal. Und wie hängen Gesetz und Moral zusammen? So fragte ich mich. Wie es aussieht, hat damals dort kein Zusammenhang bestanden.
Diese blitzhafte Erkenntnis, die ich mit meinem Austritt aus dem Museumsgebäude hatte, begleitet mich auch heute noch. Mit diesem Artikel wollte ich ihn mit dem Leser teilen. Das Leben der Juden und der jüdischen Gemeinde wurde durch Gesetze eingeschränkt; damals war das alles legal – einschließlich der Gesetze, die die Schädigung von Minderheiten, die Schädigung der Schwachen, die Missachtung der Menschenrechte und sogar Mord „legalisierten“.
Das ist Stoff zum Studium für einen allgemeinen Kaddisch-Tag im Jahr 5785.
1 Sog. Kryptojuden; unter Zwang zum Christentum konvertierte Juden [Anmerkung der Übersetzerin].
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