Den Koran lesen – und seine Fragen ernst nehmen
Welchen Platz haben Fragen, Zweifel und Widerspruch im Glauben?
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Wenn ich Vorträge über den Islam halte, kommt es immer wieder vor, dass jemand einen Vers aus dem Koran mitbringt. Oft ist es eine Stelle, in der von Gewalt die Rede ist. Der Vers wird vorgelesen, und die Erwartung steht im Raum: Nun erklären Sie mal, wie das zu Ihrer Religion passt. Ich finde diese Fragen wichtig. Schwieriger wird es, wenn mit dem Zitat schon das Urteil über den ganzen Koran feststehen soll. Dann fehlt mir etwas Entscheidendes: der Zusammenhang. Wer wird hier angesprochen? In welcher Situation? Auf welche Erfahrung, welchen Einwand antwortet der Text?
In der fünften Folge unseres Podcasts „Bibel und Koran im Dialog“ habe ich mit Professor Kuschel darüber gesprochen. Wir haben bei einer grundsätzlichen Frage begonnen: Was verändert sich, wenn wir den Koran nicht wie ein Nachschlagewerk lesen, sondern als ein Gespräch, in das wir hineinhören müssen?
Vor dem fertigen Buch
Kuschel verwendet dafür den Begriff der „vorkanonischen Koranlektüre“, den er auf die Arbeiten der Koranwissenschaftlerin Angelika Neuwirth zurückführt. Das klingt zunächst nach einer Spezialfrage für die Forschung. Gemeint ist aber ein Perspektivwechsel, den ich auch für unser heutiges Lesen wichtig finde.
Wir haben den Koran als Buch vor uns. Seine ersten Hörerinnen und Hörer hatten dieses fertige Buch noch nicht. Sie begegneten einer Verkündigung, die über Jahre hinweg in wechselnde Lebenssituationen hineinsprach. Sie hörten zu, fragten nach, widersprachen oder ließen sich überzeugen.
Diese Menschen brachten etwas mit: ihre religiösen Vorstellungen, ihre Erfahrungen, ihre wirtschaftlichen Interessen. In ihrer Umgebung waren jüdische und christliche Überlieferungen ebenso präsent wie altarabische Traditionen und Dichtung. Die Botschaft traf also auf Menschen, deren Leben bereits geprägt war.
Für mich liegt darin eine wichtige Frage an jede Auslegung: Nehme ich diese ersten Hörer ernst? Oder lese ich so, als hätten die Worte niemanden konkret angesprochen und wären unmittelbar für meine heutige Frage formuliert worden?
Den geschichtlichen Zusammenhang zu beachten, halte ich nicht für einen Verrat am Text. Ich sehe darin eine Form der Treue. Wenn ich den Koran als Gotteswort ernst nehme, muss ich mich auch mit den Situationen befassen, in denen seine Botschaft Menschen erreichte.
Ein Streitgespräch, das etwas sichtbar macht
Besonders anschaulich wurde das für mich, als Kuschel aus dem Gespräch zwischen Mose und Pharao in Sure 20 las. Gott spricht, Mose antwortet, Pharao fragt zurück. Die Stimmen wechseln. Es wird gestritten und begründet.
Wir kennen Mose und Pharao auch aus der hebräischen Bibel. Kuschel erläutert, wie dieser überlieferte Konflikt im Koran eine neue Bedeutung gewinnt: Der Gottesbote steht einem mächtigen Herrscher gegenüber. Darin wird auch die Auseinandersetzung erkennbar, in der sich Muhammad und seine Verkündigung befinden.
Mich interessiert dabei gerade die Form. Warum wird die Botschaft durch ein Streitgespräch vermittelt? Warum hören wir überhaupt die Fragen und Einwände des Gegenübers?
Der Koran bewahrt solche Gegenstimmen. Er zeigt nicht nur das Ergebnis einer Auseinandersetzung, sondern lässt etwas von ihr hörbar werden. Wer spricht, macht für das Verständnis einen Unterschied. Eine Rückfrage ist keine fertige Antwort. Ein Einwand muss erst als Einwand erkannt werden.
Ich möchte deshalb beim Lesen genauer auf diese Stimmen achten, statt jeden Satz sofort als isolierte Aussage zu behandeln.
Glaube hat mit Verantwortung zu tun
Unser Gespräch führte von dort zur Gerichtsbotschaft des Korans. Kuschel erklärt sie auch vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der Besitz und wirtschaftlicher Erfolg große Bedeutung hatten. Die Vorstellung, sich nach dem Tod noch einmal für das eigene Leben verantworten zu müssen, war eine unbequeme Zumutung.
An den kurzen Suren, die er im Gespräch aufgreift, wird die soziale Seite dieser Botschaft deutlich. Da ist der Mensch, der Vermögen sammelt und zählt, als könnte es ihn unsterblich machen. Da ist der Mensch, der die Waise zurückstößt und sich nicht um die Speisung der Armen kümmert.
Die Frage nach Gott führt hier zur Frage nach dem eigenen Verhalten. Was mache ich mit dem, was ich habe? Wie gehe ich mit Menschen um, die weniger geschützt sind als ich? Wofür fühle ich mich verantwortlich?
Für mich ist das ein wichtiger Gegenakzent zu einem Lesen, das vor allem einzelne Vorschriften sucht. Die Botschaft fordert eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Das lässt sich nicht mit dem Hinweis erledigen, man habe den passenden Vers bereits gefunden.
Zweifel gehört ins Gespräch
Ein Satz aus der Folge ist mir besonders wichtig:
„Glaube ohne Zweifel ist kein Glaube.“
Das sagt Kuschel, als wir darüber sprechen, was diese Form der Koranlektüre heute bedeuten kann. Er beschreibt Glauben als etwas, das wächst und sich mit Einwänden auseinandersetzt. Im Koran selbst sieht er das Ringen zwischen Zweifel und Vertrauen gespiegelt.
Mich beschäftigt daran vor allem die Frage nach jungen Menschen, die heute nach religiöser Orientierung suchen. Muslimisch aufzuwachsen bedeutet nicht, dass alle Fragen bereits beantwortet sind. Warum soll ich glauben? Wie gehe ich mit Überlieferungen um, die mir fremd bleiben? Was trägt mich, wenn ich unsicher bin?
Eine religiöse Bildung, die solche Fragen ernst nimmt, kann nicht einfach voraussetzen, dass die Zustimmung schon da ist. Kuschel schlägt vor, die Situation der ersten Hörer auch hier mitzudenken: Menschen mussten angesprochen und überzeugt werden. Ihr Glaube war nicht von Anfang an fertig.
Damit setzen wir die damalige und die heutige Welt nicht gleich. Aber wir erkennen eine Frage wieder, die uns auch heute angeht. Für mich eröffnet das einen Zugang, in dem Zweifel ausgesprochen werden darf, ohne dass das Gespräch über Glauben damit beendet ist.
Schwierige Stellen bleiben schwierig
Am Ende sind wir auf die Gewaltpassagen zurückgekommen, die mir auch bei Vorträgen begegnen. Ich wollte wissen, ob der historische Zugang gerade dort trägt, wo die Fragen besonders scharf werden.
Kuschel unterscheidet in seiner Auslegung zwischen der Situation der frühen muslimischen Gemeinde in Mekka und den späteren politischen und militärischen Auseinandersetzungen in Medina. Die betreffenden Stellen liest er vor dem Hintergrund dieser Konflikte. Er wendet sich dagegen, sie aus diesem Zusammenhang zu lösen und als Auftrag für heutige Gewalt zu verwenden.
Historisch zu lesen heißt dabei nicht, Grausamkeit zu verharmlosen. Auch im Gespräch werden grausame Vorgänge benannt. Sie verschwinden nicht dadurch, dass wir ihre Zeit und ihre Umstände besser verstehen. Aber eine damalige Konfliktsituation darf nicht ohne Weiteres zur Handlungsanweisung für die Gegenwart werden.
Kuschel erinnert außerdem an Gewalttexte in der hebräischen Bibel. Das finde ich für den interreligiösen Dialog wichtig. Es geht nicht darum, mit der schwierigen Stelle der einen Schrift die schwierige Stelle der anderen aufzurechnen. Wir müssen uns gegenseitig helfen, unsere Texte zu verstehen, und uns dabei auch den Zumutungen der eigenen Tradition stellen.
Ich möchte weder Fragen abwehren noch mit einem Gegen-Zitat antworten. Ich möchte genauer lesen: den einzelnen Vers, seine Gesprächssituation und seine Verbindung zur Botschaft der Schrift.
Am Schluss unserer Folge sprechen wir deshalb über Verantwortung und Barmherzigkeit. Für mich gehört beides zusammen. Einen heiligen Text vor Missbrauch zu schützen, verlangt sorgfältiges Lesen. Und der Glaube muss sich daran messen lassen, wie wir mit anderen Menschen umgehen.
Das nehme ich aus dieser Folge mit. Den Koran als Gespräch zu lesen, macht die Auseinandersetzung nicht unbedingt einfacher. Es hilft mir aber, genauer hinzuhören – auf seine Stimmen, seine Fragen und auf die Menschen, die heute mit ihm leben.
Das vollständige Gespräch mit Professor Kuschel ist in Folge 5 von „Bibel und Koran im Dialog“, dem Podcast des Stuttgarter Lehrhauses, zu hören. Dauer: 43 Minuten.
Hasan Dadelen
Moderator von Bibel und Koran im Dialog
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